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Neuköllner Gesundheitsstadtrat Liecke (CDU): Cannabis ist Einstiegsdroge Nummer 1

Autorenbild: Eric wrigthEric wrigth

Der Gesundheitsstadtrat von Neukölln, Falko Liecke (CDU), hat sich in der Debatte um das Coffeeshop-Projekt im benachbarten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu Wort gemeldet. Auf seiner Website bezeichnet er den Plan als „sozialpolitisch hochgefährlich und menschenverachtend gegenüber Menschen mit Suchtveranlagung“ und führt unter anderem an, Cannabis sei eine Einstiegsdroge. Zu diesem Punkt hat ihm der DHV eine Mail geschrieben um zu erfahren, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage diese Behauptung steht.

Konkret schreibt Liecke: „Zweitens wird sie mit dieser Legalisierung von Betäubungsmitteln der Einstiegsdroge Nummer 1 Tür und Tor geöffnet – und setzt so für viele Menschen eine Abwärtsspirale in Gang, die in ihre Verelendung mündet […] Allein der Bezirk Neukölln gibt jedes Jahr über vier Millionen Euro aus, um über die Gefahren von Drogen, bei denen Hasch und Cannabis (sic!) als ‚Einstiegsdrogen’ an erster Stelle stehen, aufzuklären oder betroffene Süchtige zu unterstützen.“

Sehr geehrter Herr Liecke, mit Interesse habe ich Ihre Ausführungen zum Coffeeshop-Projekt in Friedrichshain-Kreuzberg zur Kenntnis genommen. Sie begründen Ihre ablehnende Haltung unter anderem mit der These, Cannabis sei die Einstiegsdroge Nummer 1. Ich halte dies für einen Mythos und würde sie bitten, mir Ihre Quelle für diese Behauptung zu nennen. Ich halte es für fatal, wenn in der Drogenpolitik mit solchen Mythen argumentiert wird. Eine solche Herangehensweise wurde bereit 1993 vom BKA kritisiert: „Für eine differenziertere Betrachtung der Suchtproblematik ist unerläßlich, Mythen in der öffentlichen Auseinandersetzung aufzudecken, und, soweit möglich, abzubauen. […] Anlaß für eine Mythenbildung sind jedoch nicht nur Forschungsdefizite, sondern auch das Ignorieren vorhandener Forschungsergebnisse. Ein gutes Beispiel hierfür bietet die sog. “Einstiegstheorie”, d.h. die in der Literatur häufig vertretene These, daß Haschisch die Einstiegsdroge in eine zwangsläufig in die Heroinsucht einmündende Drogenkarriere sei. Bekräftigt wird dies durch die Tatsache, daß fast alle Heroinabhängigen zuvor Haschisch konsumiert haben (wie im übrigen aber auch Alkohol und Nikotin). Ein Umkehrschluß dergestalt, daß jeder Haschischraucher automatisch zum Heroinuser würde, ist daraus aber nicht zu ziehen […] “So entsteht häufig der Fehlschluß, es bestehe eine Kausalität, was in Wirklichkeit nur eine Korrelation ist”. Man geht heute vielmehr davon aus, daß lediglich 1 bis 5 % der Haschischkonsumenten später auch harte Drogen nehmen.“ – Freigabe von Drogen: Pro und Contra, Literaturanalyse, BKA – Forschungsreihe I, Ina Knauß / Elmar Erhardt Die Cannabisexperten Prof. Dieter Kleiber und Prof. Renate Soellner schreiben in “Cannabis – Neue Beiträge zu einer alten Diskussion”, Herausgeber Raphael Gaßmann (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen): “Die Einstiegsthese wird gern im politischen Raum vorgetragen, um die Gefährlichkeit von Cannabisprodukten nachvollziehbar zu machen und dies gilt, obwohl sie mehr als dreißig Jahren in der Fachwelt kritisiert und heute von Fachleuten einhellig als empirisch unbestätigt zurückgewiesen wird.” Das Projekt Drugcom.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das ausführende Organ des Bundesministeriums für Gesundheit in Sachen gesundheitliche Prävention, hatte im Mai 2011 die Frage Vom Kiffen zum Heroin? als TOPTHEMA: „Schrittmacherfunktion“ wissenschaftlich nicht haltbar Würde man die Tatsache, dass die meisten Opiatabhängigen mit Cannabis angefangen haben, als Argument für die Einstiegsdroge Cannabis anführen, könne man nach Ansicht der Drogenforscher Dieter Kleiber und Karl-Arthur Kovar ebenso gut behaupten, „dass eine Erkältung zwangsläufig zu einer Lungenentzündung führt, weil so gut wie jeder Lungenentzündung eine Erkältung vorausgeht.“ Beide Autoren haben 1998 im Rahmen einer umfangreichen Expertise die Risiken des Cannabiskonsums beleuchtet und stellten zu der Frage der „Einstiegsdroge“ fest, dass die These von der „Schrittmacherfunktion“ nach damaligem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht haltbar sei. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Dachverband der in der Suchtkrankenhilfe bundesweit tätigen Verbände und gemeinnützigen Vereine, vertreibt zusammen mit der BZgA die Broschüre “Cannabis – Basisinformation“, darin steht: „Das Risiko des Umstiegs auf andere »härtere« Drogen wurde lange Zeit unter dem Stichwort »Einstiegsdroge« kontrovers diskutiert. Dabei wurde die Beobachtung, dass fast alle Heroinabhängigen früher Cannabis geraucht hatten, zum Anlass genommen, Cannabis für den Umstieg auf Heroin verantwortlich zu machen. Was für Heroinabhängige rückblickend stimmt, trifft jedoch nicht auf Cannabiskonsumenten zu. Tatsächlich steigt nur ein sehr kleiner Teil der Cannabiskonsumenten auf andere Drogen um.“ Das Bundesverfassungsgericht befand 1994 nach Einsicht der wissenschaftlichen Literatur, die These von der Einstiegsdroge werde “überwiegend abgelehnt”. Staatsanwalt Körner, der Autor des maßgeblichen Gesetzeskommentars zum heutigen Betäubungsmittelgesetz, schreibt dazu: “Die These vom Umsteigeeffekt des Haschisch (…) hat sich als Mythos erwiesen.” Selbst der Sachverständige der CDU-Bundestagsfraktion Thomasius musste 2012 zugeben: “Die Gateway-Hypothese ist bisher nicht wissenschaftlich nachgewiesen worden” und konnte in seiner Stellungnahme wieder nur einige Korrelationen nennen. Sein Versuch, Kleiber und Kovar zu widerlegen scheiterte, im Ergebnis einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium konnte er 2007 lediglich schreiben: “Cannabiskonsum erhöht das Risiko für den Konsum weiterer illegaler Drogen – die Annahme einer pharmakologischen Schrittmacherfunktion ist allerdings bisher nicht ausreichend belegt.” – Cannabiskonsum und –missbrauch: Hauptergebnisse eines systematischen Reviews zu gesundheitlichen und psychosozialen Folgen, Kay Uwe Petersen & Rainer Thomasius Aufgrund dieser, meiner Meinung nach eindeutigen Faktenlage, würde es mich außerordentlich interessieren, welche Quelle Sie für Ihre Behauptung haben und warum sie glauben, dass diese sowohl BKA, Bundesverfassungsgericht, BZgA, DHS, Körner als auch die Cannabisforscher Kover und Kleiber widerlegen kann. Mit freundlichen Grüßen, Maximilian Plenert, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Hanf Verband
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